Neue Schule durch den Computer? 


Seit der Erfindung der elektrischen Glühbirne sind kaum mehr als hundert Jahre vergangen. Verglichen mit der Menschheitsgeschichte ist dies ein winziger Zeitraum Dennoch ist in diesem Abschnitt des menschlichen Seins in der Wissenschaft erheblich mehr passiert als im gesamten Zeitraum davor. Mehr oder weniger kritiklos haben wir uns der Wissenschaft und dem scheinbar grenzenlosen Fortschritt verschrieben und haben damit sicherlich auch den Menschen und seinen Lebensraum an den Rand des Abgrunds gebracht. Nun wäre es unsinnig, darüber zu diskutieren, ob dies alles sinnvoll war oder nicht. Letztlich zählt nur, dass heutige Generationen damit leben müssen. Besonders die Entwicklung der Mikroelektronik und Informationstechnik hat unser Leben und damit gesellschaftliche Strukturen tiefgreifend verändert. Freizeit und Berufsleben werden heute von diesen neuen Technologien weitgehend bestimmt. Unser Privatleben wird zu einem nicht unerheblichen Teil von Errungenschaften der Unterhaltungselektronik beeinflusst. Videotechnik, Homecomputer, Musikelektronik und digitale Hifi-Technik lassen eine Flut von audiovisuellen Reizen auf uns einströmen. Auch im Berufsleben hat die neue Technik Einzug gehalten. So gibt es z.B. in fast allen Berufszweigen durch die Einführung von Rechnern neue Arbeitsvorgänge:

Letztlich können wir Lehrer uns diesen Veränderungen auch nicht entziehen, da wir unsere Schüler auf ihr zukünftiges Berufsleben vorbereiten müssen. Im wesentlichen müssen uns folgende Veränderungen für unsere Unterrichts- und Erziehungsarbeit interessieren:

 


Was bedeutet dieser gesellschaftliche Wandel für die Schule konkret?

In einer Zeit, in der es relativ schwierig ist, Schüler für bestimmte Unterrichtsgegenstände zu motivieren, bieten sich plötzlich eine Reihe ungeahnter unterrichtlicher Möglichkeiten an:

1. Der Unterricht im Wahlfach Informatik


Die Erfahrungen der Modellversuche zeigten, dass trotz aller Schwierigkeiten, noch nie so viele Schüler freiwillig und mit solch großer innerer Motivation an einem Unterricht teilgenommen haben. Der Unterricht im Wahlfach Informatik entspricht in seinem didaktisch-methodischen Aufbau dem problemorientierten naturwissenschaftlichen Unterricht.

2. Der Computer als wichtiges unterrichtliches Hilfsmittel


Hier bieten sich vielfache Möglichkeiten:

3. Die Informationstechnische Grundbildung


Ab dem Schuljahr 1988/89 wird die Informationstechnische Grundbildung für alle Schularten ab der 7. Jahrgangsstufe verpflichtend eingeführt. Ihre Ziele sind im wesentlichen:

Veränderungen in der beruflichen Qualifikationsstruktur des Lehrers Natürlich muss der Einsatz des Computers im Unterricht auch zwangsläufig das Berufsbild des Lehrers verändern. Wollen wir uns diesen neuen Abforderungen stellen und die neuen Möglichkeiten nutzen, so müssen wir uns mit dem Gegenstand Computer beschäftigen. Dies soll nicht heißen, dass der Hauptschullehrer das komplizierte Interieur eines solchen Gerätes kennen und verstehen muss. Wir müssen durch intensive Lehrerfortbildung zunächst einmal unsere eigene Schwellenangst vor dem Einsatz der neuen Technologien im Unterricht abbauen. Ebenfalls müssen wir lernen, algorithmische Strukturen zu durchschauen und das gesellschaftliche Umfeld neuer Techniken kritisch zu beobachten. Weiterhin müssen wir uns intensiv mit der Handhabung der Geräte beschäftigen. Vor allem sollten wir fähig sein, den Einsatz des Computers pädagogisch abzuwägen und methodisch-didaktisch sinnvoll in den Unterricht einzufügen. Es wird wenig Sinn haben, ein solches Medium dort einzusetzen, wo eigenes Tun oder vielleicht ein gutes Schulbuch für den Lernzuwachs des Schülers bessere und effektivere Dienste leisten.

Einsatz von Rechnern in der Schulverwaltung

Man hat erkannt, dass im Bereich der Schulverwaltung der Computer nützliche Dienste leisten kann. Auf den Ebenen Schule - Schulamt - Regierung und Kultusministerium müssen in jedem Schuljahr eine ganze Reihe der verschiedensten Statistiken erstellt werden, die so manchem Rektor, Schulrat und Regierungsbeamten den Schweiß auf die Stirn treiben. Das hierfür zu erstellende Datenmaterial ist sehr vielfältig, umfangreich und komplex. Dies liegt in der Natur der Sache, da hier eine Menge Schüler bzw. auf der anderen Ebene Lehrer zu verwalten sind. Einige der Daten werden darüber hinaus an Sammelpunkten (Schulamt, Regierung usw.) nicht nur abgelegt, sondern müssen miteinander verknüpft zu übergeordneten Statistiken weiterverarbeitet werden. Viele dieser Daten müssen auch nach verschiedenen Gesichtspunkten selektiert und sortiert werden. Alle diese mühseligen Arbeiten kann uns ein Rechner abnehmen wenn man sich erst einmal die Arbeit gemacht hat, ihn mit einer Anzahl von Grunddaten zu füttern. Ein weiterer gewaltiger Vorteil liegt auch darin, dass die Datenübertragung auf direktem Weg und die Weiterverarbeitung ohne Zwischenstation erfolgen kann.

Zusammenfassende Beurteilung der Themafrage

Zum Schluss der Ausführungen soll die Themafrage noch einmal aufgegriffen werden. "Neue Schule durch den Computer?"
Ich meine, wir sollten diese Frage getrost verneinen. Man kann nicht Traditionelles, Altbewährtes und gründliche Erprobtes einfach über Bord werfen und durch neue Technologien ersetzen wollen. Andererseits kann man auch nicht so tun, als ob es keine Mikroelektronik gäbe und ein Wandel in unserer Gesellschaft nicht stattfinden würde. In vielen Bereichen bringt uns der Computer, wie am Beispiel der Schulverwaltung aufgezeigt, auch große Arbeitserleichterungen. Vor allem sollten wir versuchen, unseren Schüler die Chance einzuräumen, diesem Wandel in der Gesellschaft nicht unvorbereitet und unkritisch entgegenzutreten. Ein wohldosierter, wohlüberlegter Einsatz neuer Technologien kann unseren herkömmlichen Unterricht für unsere Schüler wertvoller machen und ihnen helfen, nicht chancenlos gegenüber Schulabgängern anderer Schularten ins Berufsleben einzutreten. Das Motto sollte also heißen: Auf Altbewährtes nicht verzichten, und dort, wo es sinnvoll ist, durch Neues erweitern. Das heißt, wir brauchen keine neue Schule sondern erweitern sie zum Wohle unserer Kinder, denn das wollen wir doch sicher alle.

Manfred Greiner
 

H. Sommer im alten Schreibmaschinenraum (1988)

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